Bibliothek der Universität Konstanz
 

Handschriften-Initiale

Eines der ältesten Objekte aus dem Rara-Bestand der Bibliothek der Universität Konstanz ist zugleich eine unserer jüngsten Erwerbungen! Es handelt sich um das Handschriftenfragment Abb. 2, das seit Mai 1997 mit der Signatur H 57/3 in unserem Bestand ist. Dieser Neuzugang erhöhte den Handschriftenbestand der Bibliothek der Universität Konstanz auf sechs Exemplare und wird der Großzügigkeit von Herrn Dr. Wolfram Dufner verdankt, der es der Bibliothek schenkte. Herrn Dr. Dufner verdankt die Bibliothek ja auch seine Sammlung antiker Kleinkunst.

Bei dem Fragment handelt es sich um eine illuminierte M-Initiale, die aus einer Handschrift herausgeschnitten worden war. Das Fragment ist 10,8 cm breit und 10,4 cm hoch; das Material ist Pergament. Die Größe der Initiale und die farbprächtige Ausschmückung lassen auf einen voluminösen Prachtcodex von sicherlich über 40 cm Höhe schließen. Bemerkenswert ist die Ausschmückung der Initiale mit einer leuchtend roten, von gezackten Blättern umfaßten Erdbeere auf blauem Binnengrund. Auf der Rückseite sind Neumen (Noten) auf Tetragramm zu sehen; die Textreste darunter in spätgotischer Rotundaschrift vielleicht als "[i]n mani[bus]" zu lesen (?) - so meine Vermutung. Über die Herkunft der Initiale ließ sich nichts in Erfahrung bringen, so daß offen blieb, aus welchem Codex sie herausgeschnitten worden war und wie sie zeitlich und regional einzuordnen ist.

Es war unbedingt notwendig, entsprechende Fachleute zu Rate zu ziehen. Doch wer käme in Frage und wie ließe sich die Verbindung herstellen? Hier nun bot sich die Gelegenheit, das Internet mit seinen neuen Möglichkeiten einzusetzen - so die Idee von Herrn Dr. Franken - und in einem Aufruf um Rat zu fragen, der sowohl auf der Homepage der Bibliothek (mit Abbildung) wie auch in der als bibliothekarisches Diskussionsforum dienenden Mailingliste "Library-list" abgesetzt wurde. Die Reaktionen im Internet ließen nicht lange auf sich warten: Von der Herzog-August-Bibliothek in Wolfenbüttel meldete sich Herr Dr. Helmar Härtel mit dem Hinweis, solche Fragmente seien ein häufig zu beobachtendes Phänomen; immer wieder seien prachtvolle Initialen aus Handschriften herausgeschnitten worden. Unsere Initiale stammt seines Erachtens aus einer liturgischen Handschrift des 15. Jahrhunderts.

Als nächstes kam eine Mail von der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz aus Berlin: Frau Dr. Paula Väth teilte mir mit, die Initiale stamme aus einem Chorbuch (Antiphonar oder Graduale), das gegen Ende des 15. Jahrhunderts in Italien entstanden sei. Außer dieser präzisen Einordnung verwies sie mich auf die Kunsthistorikerin Frau Dr. Ulrike Bauer-Eberhardt von der Staatlichen Graphischen Sammlung München als ausgewiesene Spezialistin für diese Thematik. Die Internet-Aufrufe hatten also ein reichhaltiges Ergebnis gezeitigt!

Der Kontakt zu Frau Dr. Bauer-Eberhardt gestaltete sich nun nicht per Internet, sondern ganz herkömmlich, d.h. brieflich, aber nichtsdestoweniger prompt und mit durchschlagendem Erfolg: Provenienz und Entstehungszeit des Chorbuchs, aus dem unsere Initiale stammt, sei Bergamo um 1500, teilte sie mir umgehend mit. Diese Einordnung stützt sie auf den Vergleich mit stilistisch verwandten Miniaturen dieser Zeit aus Bergamo, die sich einerseits in der Staatlichen Graphischen Sammlung in München (vgl. U. Bauer-Eberhardt, Die italienischen Miniaturen des 13. - 16. Jhs., München 1984, Kat. 20: 14 Fragmente) - Abb. 69:20,12 hier als Abb. 3 - , andererseits in Bergamo selbst befinden, nämlich das Antiphonar G (vgl. L. Cortesi u. G. Mandel, Iacopo da Balsemo miniatore, c.1425 - c.1503, Bergamo 1972, S. 23 mit Abbildung 69). Frau Dr. Bauer-Eberhardt sei für ihre Identifizierung unseres neuen Handschriftenfragments auch an dieser Stelle ganz herzlich gedankt! In diesen Dank sind auch die anderen genannten Beteiligten eingeschlossen.

Wie bei der Konstanzer Initiale weisen auch in Bergamo die Initialen eine große Frucht bzw. Blüte als zentrales Schmuckmotiv auf. Gemeinsame Merkmale sind ferner der breite, gerundete Duktus der Initialenform mit der Verschmälerung nach oben und nach unten, das filigrane Rankenrollwerk in Weißlinienornamentik auf dem Buchstabenkörper der Initialen sowie deren Einhüllung mit gezackten Blättern. Weitere Übereinstimmungen sind der gelochte Goldgrund und die Einfassung mit einem schwarzen Randstreifen.

Im Rahmen der Kunstentwicklung des späten Mittelalters ist die Darstellung der Erdbeere nichts Ungewöhnliches: Ab dem 14. Jahrhundert wird sie einigermaßen naturnah dargestellt, und zwar nicht nur in Herbarien, sondern auch in der Bauplastik und in der Tafelmalerei. In der Buchmalerei des ausgehenden Mittelalters sind Erdbeeren häufig zu finden. Besonders naturalistisch ist ihre Wiedergabe in den französischen Stundenbüchern des späten 15. Jahrhunderts. Allerdings sind sie dort nur dekoratives Beiwerk und nicht wie hier zentrales Motiv.

Die inhaltliche und textliche Einordnung und Identifizierung der Noten- und Textfragmente blieb vorerst ein Rätsel und gelang erst Ende 2001 Herrn Dr. Felix Heinzer von der Handschriftenabteilung der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart. Er übermittelte mir folgende Expertise, für die ich ihm außerordentlich dankbar bin:

"Die Textseite des Bruchstücks gehört nicht in den Canon Missae, der in dieser Zeit in Chorbüchern dieser Art nicht auftaucht, sondern in den Kontext der Antiphon "In die tribulationis meae..." (3. Nokturn von Gründonnerstag). Es handelt sich um den Ausschnitt "[exquisi]vi mani[bus meis]" . Die unten offene Form des v entspricht sehr schön den bei Luigi Cortesi abgebildeten Beispielen (vgl. etwa die Formen von v bzw. u in Fig. 39f., 42f. etc.). Der Melodieverlauf für diese drei bzw. vier Silben (für "-bis" läßt sich dies aufgrund des Kustos am Ende der Zeile ermitteln), nämlich h c ac h, paßt genau dazu, wie ich in unserem Antiphonar Cod. mus. I fol.63, das Melker Tradition und damit römischen Brauch vertritt, verifizieren konnte. Was ist mit der M-Initiale auf der Rückseite? In Frage kommt eigentlich nur der Beginn des Verses ("Melius illi erat") zum Responsorium "Unus ex discipulis", das in einem großformatigen Chorbuch (auch das läßt sich sehr schön anhand unseres Lorcher Antiphonars erkennen) ziemlich genau an der entsprechenden Stelle auf der Rückseite von "In die tribulationis" zu liegen käme - allerdings werden Versanfänge von Responsorien zwar ausgezeichnet, aber nicht unbedingt in der opulenten Form, wie sie Ihr M repräsentiert. Aber vielleicht war das fragliche Chorbuch eben wirklich eine Luxushandschrift, in der sogar solche sekundäre Textanfänge mit Deckfarben-Initialen bedacht wurden."