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Bibliothek

Konstanzer Handschrift

Die Bibliothek der Universität Konstanz hat als relativ junge Institution - Gründung im Jahre 1964 - einen Rara-Bestand alter Werke, der keinesfalls mit dem in Jahrhunderten gewachsenen Altbestand der traditionsreichen Bibliotheken des Landes konkurrieren kann, zumal auch keine aufgelassenen älteren Teilbestände übernommen werden konnten. Immerhin konnte aber, hauptsächlich durch Käufe auf dem Antiquariatsmarkt, aber auch durch Schenkungen, Sponsoring und Auktionskäufe, ein Bestand von über 15.000 Werken aufgebaut werden, der manch kostbare Zimelie enthält. Gerade die Heterogenität des Konstanzer Rara-Bestands läßt einzelne Werke umso deutlicher hervortreten. Im folgenden soll anhand einiger Beispiele ein kursorischer Gang durch die Altbestände vorgenommen werden.

Das älteste Werk des Konstanzer Rara-Bestands ist eine mittelalterliche Handschrift, die zur Zeit des Konzils in Konstanz entstand. Dies macht sie auch unter dem Aspekt der Konstanzer Regionalgeschichte umso wertvoller.

Die Handschrift ist 22 cm breit und 30 cm hoch und enthält 216 Bätter. Die Einbanddecke ist aus Holz; der Bezug ist Leder; Vorder- und Rückseite sind im Stil der Zeit mit einem großen Andreaskreuz in Blindprägung verziert. Auf der Rückseite ist oben an einer Öse eine viergliedrige Eisenkette befestigt, mit der die Handschrift an einem Pult festgemacht werden konnte; es handelt sich also um ein Kettenbuch. Solche "Libri catenati" waren bis ins 18. Jh. gebräuchlich. Gut erhaltene Ensembles einer Kettenbibliothek befinden sich noch in der Kathedrale von Hereford (vgl. Joan Williams, The chained library at Hereford Cathedral, Hereford 1996) und in der Walburgiskerk in Zutphen (Ulrich Kopp, Eine Bibliothek an der Kette, in: Das Athen der Welfen. Die Reformuniversität Helmstedt 1576-1810, hrsg. von Jens Bruning u. Ulrike Gleisner, Wolfenbüttel 2010, S. 258ff. Abb. 163-164).

Die Konstanzer Handschrift enthält drei verschiedene Texte: "De Regimine Principum" von Aegidius Romanus (beendet in Konstanz am Tag des hl. Pelagius [28. Aug.] 1417); die "Nikomachische Ethik" (" Ethica Nicomachea") von Aristoteles in der lateinischen Übersetzung von Robert Grosseteste (beendet in Konstanz 1416); und als dritten Text die "Rhetorica" von Aristoteles in der lateinischen Übersetzung von Wilhelm von Moerbeke (beendet in Konstanz am Tag der hl. Anna [26. Juli] 1417).

"De Regimine Principum"wurde um 1280 von dem Augustinereremiten und späteren Erzbischof von Bourges, Aegidius Romanus, verfaßt und fand weite Verbreitung. Es handelt sich dabei um einen der im Mittelalter so beliebten "Fürstenspiegel", welche die Ideale des Herrschers und die fürstlichen Tugenden zum Thema haben (vgl. H.H. Anton, Fürstenspiegel, A. Lateinisches Mittelalter, in: Lexikon des Mittelalters. Bd. 4, 1999, Sp. 1039-1048;  Werner Rösener, Fürstenhof und Sakralkultur im Kontext spätmittelalterlicher Fürstenspiegel, in: Werner Rösener, Carola Frey (Hrsg.), Fürstenhof und Sakralkultur im Spätmittelalter, 2008, S. 21-40).

Durch die Angaben im Kolophon sind die Datierung sowie die Entstehung in Konstanz gesichert. Offen sind die Zordnung zu einer Schreibertradition, der Auftraggeber sowie der weitere Verbleib. Zu den hypothetischen Erörterungen vgl. L. Bösing, Eine mittelalterliche Handschrift kehrt nach Konstanz zurück, in: Konstanzer Blätter für Hochschulfragen 90,1986, S. 5-16. Laurenz Bösing glückte im Jahre 1985 der Erwerb im New Yorker Antiquariatshandel, wobei mehrere Sponsoren den Erwerb ermöglichten.

Diese Sammelhandschrift, die Abschriften bekannter Texte enthält, verdeutlicht, dass Konstanz während des Konzils auch ein Büchermarkt war, auf dem sicher eine rege Nachfrage nach Büchern bestand, so dass Texte abgeschrieben und gehandelt wurden. Aus Italien kamen mit den alten Texten der Antike auch die neuen Gedanken des Humanismus hierher.

Die Texte der Konstanzer Handschrift sind zweispaltig in gotischer Kursive mit Tinte auf Papier geschrieben. Deutlich zu erkennen ist die Vorzeichnung der Spalten. Nur wenige Initialen sind durch Größe und Rubrizierung hervorgehoben. Dagegen fällt die häufige Rubrizierung einzelner Buchstaben durch einen senkrechten roten Strich auf. Während im Aegidiustext häufig rote Unterstreichungen einzelner Wörter vorkommen, weisen demgegenüber die beiden Aristotelestexte zahlreiche Rand- und Interlinearglossen auf.

Der auffälligste Buchschmuck sind im Text des Aegidius die vielen kleinen in Rot gezeichneten Hände mit ausgestrecktem Zeigefinger, die meist von links, aber auch von rechts, am Rand auf den Text hinweisen. Auf manchen Seiten wimmelt es nur so von Händen. Dies ist bis Blatt 33 der Fall. Danach kommen sie bis zum Ende dieses Textes (Bl. 106) überhaupt nur noch dreimal vor: auf Bl. 42, 49 und 76. Die Hände weisen einen langen schmalen Zeigefinger auf, während die übrigen Finger eingekrümmt sind. Meist sind nur drei dargestellt, manchmal vier, ohne dass der Daumen als solcher gekennzeichnet ist. Gelegentlich ist noch ein Armansatz dargestellt, der vom Handgelenk durch einen Querstrich abgeteilt ist. Ein einziges Mal umfaßt die Darstellung den Unterarm samt Gewandärmel (Bl. 21).

Im aristotelischen Ethiktext sind diese Hände eher verstreut und flüchtiger im Duktus, bis hin zu grob vereinfachten Darstellungen. Außerdem sind sie nicht rot, sondern mit der Tinte gezeichnet. In der "Rhetorik" sind die kleinen Hände sehr selten.Es handelt sich hierbei um 'Zeigehände', wie sie in mittelalterlichen Handschriften als Randnotiz zur Markierung des Textes verbreitet sind.

Für die Konstanzer Handschrift wurden verschiedene Papiersorten verwendet, wie die unterschiedlichen Wasserzeichen zeigen, die allerdings meist nur ungenau zu erkennen sind. Daher steht eine genaue Bestimmung nach Piccard noch aus. Es läßt sich nur andeutungsweise folgendes sagen: Im ersten Teil des Aegidiustextes wurde bis Blatt 60 Papier mit einem Hirschkopf-Wasserzeichen verwendet, wie es in Piccards Gruppe II Nr. 359-382 vorkommt. Blatt 62 bis 106 haben ein Ochsenkopf-Wasserzeichen mit fünfblättriger Blüte zwischen den Hörnern. Dies gehört in Piccards Gruppe XII Nr. 137-218. Für die beiden aristotelischen Texte wurde wieder eine andere Papiersorte verwendet, deren Wasserzeichen den Ochsenkopf mit Kreuz zwischen den Hörnern zeigt. Die Beleg hierfür sind bei Piccard Gruppe VI Nr, 101-289 zu finden. Zeitlich gesehen stammen Piccards Beispiele aus dem späten 14. und dem 15. Jahrhundert, und zwar aus Italien und aus Deutschland.

Letzte Aktualisierung: 10.03.2011