Bibliothek der Universität Konstanz
 

Hieronymus, Vulgata (Paris 1693-1706) Signatur: R 56/38

Unter den Beispielen kostbarer alter Bücher darf eine Bibelausgabe nicht fehlen: Die Vulgata, die lateinische Bibelübersetzung des Hl. Hieronymus, ist in Konstanz vertreten in einer in den Jahren 1693 - 1706 in Paris in großformartigen Kalbslederbänden gedruckten fünfbändigen Werkausgabe. Einen Einbandschmuck weist jeweils nur der Rücken auf (Abb. 13): Die sechs Bünde der Fadenheftung drücken sich am Rücken deutlich durch und bilden somit sieben Felder für die goldgeprägte Verzierung. Diese besteht bei Band 1 aus stilisierten, feinziselierten Ranken mit Rautenranke in der Mitte; auch die Bandangabe ist von solchem vegetabilem Geflecht eingefaßt. Die Art dieses Schmucks wechselt von Band zu Band; statt der Rautenranke kommt auch eine stilisierte Blumenvase vor, und die Bandangabe ist einmal von einem antikisierenden Palmetten-Lotus-Fries gesäumt.

Der erste Band weist ein prächtiges Titelbild auf, einen ganzseitigen Kupferstich (Abb. 14), der den Kirchenvater Hieronymus am Schreibpult in einer mit Büchern ausgestatteten Studierstube bei der Abfassung der Bibelübersetzung zeigt. "Das Neue Testament habe ich aus dem Griechischen wiedergegeben, das Alte aus dem Hebräischen übersetzt", schreibt er mit Feder und Tinte. An der Wand hängt eine Schriftrolle, auf der in verschiedenen Fassungen die Worte aus dem Schöpfungsbericht "Im Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde" Hebräisch und Griechisch geschrieben sind. Vom Tisch hängt eine Rolle herab mit den Worten " Du zwingst mich ein neues Werk aus dem alten zu machen", eine Anspielung darauf, daß Hieronymus von Papst Damasus in der Zeit zwischen 382 und 385 in Rom mit diesem gewaltigen Werk beauftragt worden war.

Die Darstellung des Hl. Hieronymus steht in einer langen ikonographischen Tradition, die ihn, wie z.B. auf dem berühmten Kupferstich "Der Hl. Hieronymus im Gehäuse" von Albrecht Dürer, meist zusammen mit seinem Löwen beim Studium der Heiligen Schrift zeigt. Ikonographisch eher selten ist der Holzschnitt von Albrecht Dürer in einem Basler Druck von 1497, der ihn mit Schreibgriffel vor mehreren aufgeschlagenen Bibeln zeigt (Wilfried Sühl-Strohmenger, Die Historische Bibliothek der Stadt Rastatt, Rastatt 1991, S. 37 u. Abb. 14).

An eine solche Darstellung schließt sich unser Kupferstich mit seiner Betonung des Schreibens und der Ausstattung der Stube mit Büchern eher an. Am unteren Bildrand stehen der Name des entwerfenden ("invenit") und des ausführenden Künstlers ("sculpsit"). Sehr schön kann man auch den Abdruck des Plattenrands auf dem Papier sowohl sehen als auch fühlen, denn beim Kupferstich als einem Tiefdruckverfahren muß die ganze Kupferplatte mit den vertieft eingeritzten und mit Farbe gefüllten Linien der Darstellung aufs Papier gepreßt werden, so daß sich der Rand der Platte abdrückt. Die Technik des Kupferstichs ist übrigens kaum jünger als der Holzschnitt; der erste bedeutende Kupferstecher war Israhel van Meckenem (1445 - 1503).

Kennzeichnend für alte Bücher ist eine ausführliche, sich meist über mehrere Seiten erstreckende Widmung. Die vorliegende Vulgata-Ausgabe ist nun von ihrem Bearbeiter und Herausgeber, dem Benediktiner Jean Martianay, dem Papst Innocenz XII. gewidmet (Abb. 15). Als Schmuckbordüre über dem Widmungstitel prangt ein Kupferstich mit dem Medaillon von Papst Innocenz, umgeben von zwei allegorischen Figuren, die wohl Glaube und Kirche darstellen. Bemerkenswert ist auch der ungewöhnliche figürliche Schmuck der H-Initiale, der auf die Taufe von Hieronymus in Rom in seiner Jugend (etwa 350 -360) anspielt!